Schrank
Massiver Schrank aus Eiche und Rüster mit Verzierungen. Seitliche Vitrinenteile mit dekorativen Glasfronten.
Der Schrank hatte vermutlich ursprünglich einen Aufsatz, der nachträglich abgenommen wurde (entsprechende Spuren sind auf der Ober- und Rückseite zu erkennen). Auch die Griffe wurden ausgetauscht. Ansonsten befindet sich der Schrank in seinem Originalzustand.
Auf der Innenseite ist ein Stempel „Reichseigentum F.A.Ost“ (Finanzamt Ost) angebracht.
Der Schrank weist zudem diverse Spuren auf der Rückseite auf:
Reste von Aufklebern (auf einem ist der obere Teil einer „8“ zu erkennen)
Kreidespuren
mit weißer Kreide „X“
mit weißer Kreide „29 II“
mit roter Kreide „Britz“ (?)
eingeritzt „III“
in schwarz „3“
2014 fand die Ausstellung "Ausplündern & Verwalten - Das Finanzamt Bremen stellt sich seiner NS-Vergangenheit" im Haus des Reichs, dem Sitz des Senators für Finanzen, statt. Die Ausstellung stellte Ergebnisse des Forschungsprojekt "Judenverfolgung und Wiedergutmachung in Bremen" unter Leitung von Dr. Jaromír Dittmann-Balcar am Institut für Geschichtswissenschaft der Universität Bremen in Kooperation mit der Senatorin für Finanzen vor. In einem Schreiben des Oberfinanzpräsidenten Weser-Ems and den Gerichtsvollzieher Johannes Rötsch vom 06.02.1942 bezüglich der Versteigerung der im Hafen lagernden Umzugsgüter jüdischer Emigrant*innen wies dieser an, dass „Gegenstände, die zur Ausstattung der Verwaltung geeignet sind, z.B. Schreibtische, Bücherschränke und sonstige Büromöbel, Sessel, Teppiche und Büromaschinen, insbesondere Schreibmaschinen, grundsätzlich von der Verwertung durch Verkauf oder Versteigerung ausgeschlossen“ sind (StAB 4.42/3 7). In den Folgejahren der Ausstellung fielen in diesem Kontext in der Finanzbehörde unterschiedliche Möbelstücke aufgrund ihrer Merkmale auf.
Der Schrank fiel 2013 im Zuge der Vorbereitungen zur Ausstellung auf, da er nicht wie ein typisches funktionales Behördenmöbel wirkt. Stattdessen lassen seine Hochwertigkeit, feine Ausarbeitung und Verzierungen vermuten, dass er ursprünglich als Privatmöbel in einem Wohnzimmer oder als Teil der Einrichtung eines repräsentativen Büros diente. Der Schrank weist zudem zahlreiche Markierungen und Reste von Aufklebern auf seiner Rückseite auf. Er trägt außerdem einen Stempel, der ihn als „Reichseigentum“ des Finanzamt Ost markiert.
Zum jetzigen Zeitpunkt kann nicht rekonstruiert werden, wie der Schrank ins Haus gekommen ist. Es besteht somit zumindest der Verdacht, dass es sich bei dem Schrank um NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut handeln könnte.
Balcar, Jaromír (Hrsg.). (2014): Raub von Amts wegen: Zur Rolle der Verwaltung, Wirtschaft und Öffentlichkeit bei der Enteignung und Entschädigung der Juden in Bremen. Bremen: Edition Temmen.
Senatorin für Finanzen (Hrsg.). (2014). Ausstellung Ausplündern und Verwalten: das Finanzamt Bremen stellt sich seiner NS-Vergangenheit. Bremen: Selbstverlag.
Staatsarchiv Bremen 4.42/3 7 Protokolle des Gerichtsvollziehers Johannes Rötsch über die Versteigerung des eingezogenen Eigentums von Juden
Freie Hansestadt Bremen
Der Senator für Finanzen
Zentrale Dienste, Bereich Q16
Rudolf-Hilferding-Platz 1
28195 Bremen
Deutschland