Schrank
Massiver Schrank aus Eiche mit sanft gewölbtem Vitrinenteil in der Mitte.
Der Schrank befindet sich in seinem Originalzustand. Der Schrank war vermutlich kein Einzelmöbel, sondern Teil eines Ensembles.
Der Schrank weist auf der Rückseite zwei Aufkleber auf:
„Oberfinanzpräsidium Weser-Ems. Benutzer: Finanzpräsident Mohr“
„Zimmer 401“
Auf der Innenseite ist ein Aufkleber „01.01.2010 -keine Erfassung-“ angebracht.
2014 fand die Ausstellung "Ausplündern & Verwalten - Das Finanzamt Bremen stellt sich seiner NS-Vergangenheit" im Haus des Reichs, dem Sitz des Senators für Finanzen, statt. Die Ausstellung stellte Ergebnisse des Forschungsprojekt "Judenverfolgung und Wiedergutmachung in Bremen" unter Leitung von Dr. Jaromír Dittmann-Balcar am Institut für Geschichtswissenschaft der Universität Bremen in Kooperation mit der Senatorin für Finanzen vor. In einem Schreiben des Oberfinanzpräsidenten Weser-Ems and den Gerichtsvollzieher Johannes Rötsch vom 06.02.1942 bezüglich der Versteigerung der im Hafen lagernden Umzugsgüter jüdischer Emigrant*innen wies dieser an, dass „Gegenstände, die zur Ausstattung der Verwaltung geeignet sind, z.B. Schreibtische, Bücherschränke und sonstige Büromöbel, Sessel, Teppiche und Büromaschinen, insbesondere Schreibmaschinen, grundsätzlich von der Verwertung durch Verkauf oder Versteigerung ausgeschlossen“ sind (StAB 4.42/3 7). In den Folgejahren der Ausstellung fielen in diesem Kontext in der Finanzbehörde unterschiedliche Möbelstücke aufgrund ihrer Merkmale auf.
Der Schrank fiel in den 2010er Jahren in der Bremer Finanzbehörde auf, da er nicht wie ein typisches, funktionales Behördenmöbel wirkt. Vielmehr lassen seine Hochwertigkeit und sein Stil vermuten, dass es sich um ein Privatmöbel oder ein Einrichtungsstück eines repräsentativen Büros handelt. Zudem befindet sich auf der Rückseite des Schranks ein Aufkleber mit dem Namen des Nutzers, Finanzpräsident Waldemar Mohr. Waldemar Mohr (geb. 22.10.1883) war zuvor bei den Landesfinanzämtern Brandenburg, Darmstadt und Nürnberg tätig gewesen, zog 1939 nach Bremen und war dort Finanzpräsident beim Oberfinanzpräsidenten Bremen (StAB 4.66 – I. 7567).
Zum jetzigen Zeitpunkt kann nicht rekonstruiert werden, wie der Schrank ins Haus gekommen ist. Es besteht somit zumindest der Verdacht, dass es sich bei dem Schrank um NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut handeln könnte.
Balcar, Jaromír (Hrsg.). (2014): Raub von Amts wegen: Zur Rolle der Verwaltung, Wirtschaft und Öffentlichkeit bei der Enteignung und Entschädigung der Juden in Bremen. Bremen: Edition Temmen.
Braun, Christiane (1999): Chronik des Hauses nach dem Nordwolle-Konkurses. In: Der Senator für Finanzen (Hrsg.): Haus des Reichs: Von der Nordwolle zum Senator für Finanzen. Architektur und Geschichte eines Bremer Verwaltungsgebäudes. Bremen: Verlag H. M. Hauschild.
Senatorin für Finanzen (Hrsg.). (2014). Ausstellung Ausplündern und Verwalten: das Finanzamt Bremen stellt sich seiner NS-Vergangenheit. Bremen: Selbstverlag.
Staatsarchiv Bremen 4.42/3 7 Protokolle des Gerichtsvollziehers Johannes Rötsch über die Versteigerung des eingezogenen Eigentums von Juden
Staatsarchiv Bremen 4.66 – I. 7567 (Entnazifizierungsakte Waldemar Mohr)
Freie Hansestadt Bremen
Der Senator für Finanzen
Zentrale Dienste, Bereich Q16
Rudolf-Hilferding-Platz 1
28195 Bremen
Deutschland